No idea!

Samstag, 14. November 2009

7inches ► 2009

Sie haben mal wieder Spaß gemacht! 7inches, das ursympathische Format. Niedlich, kurz und bündig ist es wohl das Prätentions-freiste Musikdokument, was dem Menschen bekannt ist. Songcentric isses und was das bedeutet, weiß jedes Kind. Doch nicht nur das: da man ihm einfach nix übel nehmen kann, bietet es Bands außerdem die ultimative Freiheit, ihre besten Throwaways, einem esoterischen Trial&Error-Prinzip entsprungen, der Öffentlichkeit zu präsentieren. 7inches sind die Sympathieschwarten der Plattenwelt, auch wenn es immer mehr Leute stört, nach 3-4 Minuten aufzustehen und eine Platte umzudrehen (was allerdings mehr ihre Beziehung zu "Raum/Zeit" als das Überholtsein unseres Formats verdeutlicht).
Das hier sind die Bonbons, die mir dieses Jahr am besten gefallen haben. Über jedes wurde bereits geschrieben und außerdem hab ich hundertpro was vergessen. Sträflichst.

Magic Kids - Hey Boy [Goner]

Fangen wir mit der für mich am wenigsten rationalisierbaren Schnitte an. Eigentlich hasse ich Bands, die a) aussehen, als ob sie sich in einem veganen Scherzartikelladen einkleiden und b) das Potential (ja, das reicht schon) für einen von Pitchfork bemühten Beach Boys Vergleich mitbringen. Dass beide Punkte auf bloßen, empirischen Erfahrungswerten beruhen, ist mein Glück. Das haben mir die Magic Kids mit den beiden Songs dieser Single eindrucksvoll bewiesen. Indie Buzzdom wünsche ich niemandem außer ihnen. A-Seite ist ein von Kinderchören geprägtes Stück, das mir nicht nur die kommende Weihnachtszeit versüßen wird, Spargelspitze und Artischockenherz ist allerdings die B-Seite Good to Be. Lebensbejahung ist das Mantra, die Verse Rekombinationen von 1000fach gehörter Glückseligkeit. Deswegen halt ich nu' Klappe, mussu hör'n! [Edit: Teile der Band waren bei den Barbaras]



Charles Albright - I'm on Drugs [S-S]

Komm'! "I'm on Drugs"? Auf S-S? Was soll da noch schiefgehen? Aber jetzt mal pubertäre Pseudo-Punk-Logik außen vor: Charles Albright, The Musician Not The Killer, ist (war?) Teil der Pizzas, die mit der Bad Ass Youth 7inch eine meiner absoluten Lieblings-Wenigzoller der letzten Jahre rausgehauen haben. Punk done well. Very well! Und das gilt mindestens genauso für die Pizza-entsprungenen Solo-Proj's. Wo Bandkollege Matt K. Shrugg auf nunmehr 3 (oder 4?) Singles das PunkSlashRock-Ding oberdufte exerziert (wobei man sich von ein paar CDRs erzählt, die den Ponck durch Freejazzbeeinflusste Weirdness anreichern), findet man Mr. Albright hier auf der Suche nach halluzinogeneren Extrakten, für deren Entdeckung er musikalisch 8000 Jahre in die Vergangeheit und wieder zurück reisen musste. "Overblown fidelity" aller erster Güte ist der modus operandi. Nette Scheiße.

Cheveu - Like a Deer in the Headlights [Born Bad]

Dir fehlen "die Ideen"? Das Denken in Sounds? Infizierende Rhythmen? Nicht immer dieselbe Scheiße? Nun, zwei Takte dieser 7inch reichen gewöhnlich aus, um jeden noch so abgeklärten Allesfresser neugierig aufhorchen zu lassen: eine höchst eigenartige Mixtur aus einem Dance/HipHop-mäßigen Beat (bei den Franzosen immer aus der Konserve), einer halligen Stop-Start-Gitarre, irgendwie hypnotisiert (im Gegensatz zu hypnotisch) klingenden Vocals und Synths die 'ne Kathedrale aus 'ner unbekannten Nachbarmilchstraße heraufbeschwören. Mir gefallen die franz. Boys ja echt am besten, wenn sie ihre Tracks wie hier mit psychedelischeren Passagen ausstatten. Es folgt ein punkig nach vorn gehender Part, in dem Cheveu mal wieder zeigen, wie man Baguette-Albernheit mit Postpunk-Drive verbindet ohne nach Gimmicks zu müffeln. Breites Grinsen. Faustdick ham s’es! B-Seite C’est ça l’amour dreht die Reverb-Schraube noch ein bisschen Richtung 11, musikalischer Backdrop für den Monolog des Sängers sind Gruselspuk und Kick. Auch coolio, aber dieses Teil wird vor allem durch die A-Seite gemacht.



Lenguas Largas – I Feel [Tic Tac Totally]

Sounds können manchmal beängstigend in ihrer Fähigkeit sein, relativ uniforme Assoziationen zu erwecken, ohne dir jedoch plakativ und offensichtlich eine Styleparade vorzuführen. "Hättste dich auch getraut das zu schreiben?" hab ich mir dann gedacht, als ich in einem leichtherzigeren Artikel über die Lenguas Largas den Begriff "Desert Rock" gelesen habe. In der Überschrift! Komm, hättest du KEINE Hemmungen mit einem Genre-Begriff zu hantieren, der vor allem für 10 Jahre alte Redundanz und ein schrecklich hermetisches Musikverständnis steht und dessen Prominenz in hiesigen Breitengraden vor allem einer Männerfreundschaft zwischen Visions und Kyuss geschuldet ist? Die Kerls aus Arizona entziehen sich jedoch zum Glück dem kreativen Treibsand von Yesteryear. Es ist eher eine generelle Trockenheit, die ihren stilistisch doch ziemlich vielseitigen Plattenerstling grundiert. Jangle im ersten, nervöser Postpunk im zweiten und stampfender Rock mit haarigen Unteramen im dritten. Soul immer&überall.

Wounded Lion – Friendly [In the Red]

Wounded Lion sind ein bisschen bescheuert und was ein bisschen bescheuerten Bands zu Gute kommen kann, und so des Hörens würdig macht, ist eine Art Persona, die man ihnen unterjublen kann. Im Falle WLs ist es "Weirdo kommentiert Gesellschaft". Klar, irgendwie kommentiert alles Gesellschaft, aber wenn du Zeilen heranziehst wie "Lotta people are looking for themselves and they find what they want - sometimes" (Pony People, erschienen 2008 bei S-S Records) oder "Some people are friendly because they’re crazy / Some people are friendly because they’re nice" (Friendly), dürfte auffallen, dass dort 3mal "people", 4mal "they" und 1mal "themselves" auftaucht. Reicht das für's erstmal nicht nachvollziehbare Untermauern einer These, die vermutlich vollkommen an der Realität vorbeigeht? Schön!
Soundmäßig schnappen sich WL alles, was in den letzten 50 Jahren irgendwie nice war, tränken es in Goofyness und wringen dir daraus supereingängige Stückchen, denen du irgendwie nie müde wirst. Auf dieser Single von einem overdriven Bass-Sound getragen konzentrieren sie sich vor allem auf das Thema der Paranoia. Die oben zitierte Textzeile macht es deutlich, und die beiden anderen Stücke, beides Coverversionen, fallen ebenfalls, will man’s drauf anlegen, in die Kategorie: Big Boots ist weniger paranoid als vielmehr von einem paranoid(schizophren)en Schöpfer: Wild Man Fisher. Sie (die Stiefel) sind groß, brandneu, fühlen sich richtig gut an, sind selbstverständlich american und somit echter Qualitäts-Shit. Gut zum Arschwackeln isser, der Track. Unter anderem. Atemberaubender Schlusspunkt der Platte ist eine Interpretation des apokalyptischen Muffensausen-Klassikers Bad Moon Rising von CCR. Mit dieser Version ist WfuckinL ein wahrhaftes Meisterwerk gelungen. Pushendes Para-Riffing und kompetente Klangmalerei machen die diffus überwältigende Angst der Lyrics mit jeder Sekunde greifbarer. Ein fucking Monster, das ich von dieser Band so nicht erwartet hätte.



Pheromoans – Savoury Days [Savoury Days]

Ich will mich ja nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, weil man als Deutscher das Maul besser nicht zu weit aufreißt, wenn es um Underground-Shit geht, aber meine Fresse!, es ist in der Tat enttäuschend, wenn man sieht, wie wenig England aktuell zu bieten hat. Ich bin der letzte, der hier jetzt Rough Trade Agenda und die 80er verklären will, aber was ist da bitte los? Zum Glück gibt es da noch die Pheromoans, eine in Anbetracht der geschilderten "Situation" fast schon patriotische Gruppe, die sich generellen Kaputtheiten gerne im Bezugssystem britischer DIY-Überlieferungen annähert. Auf ihrer zweiten 7inch führen sie dabei ihrer musikalischen Demenz ein paar mehr Striezer Schönheit zu als zuvor, was durchaus gut tut. Wo bei 3 der 4 Tracks der Schwerpunkt weiterhin auf Frakturiertheit und Dem Spröden liegt, ist ihnen mit dem Opener Suburban Despot einer meiner fave Rock-Songs (s. Beatmusik) des Jahres gelungen. Nicht dass das jetzt besonders viel aussagt. Party.



The Dictaphone – The Dictaphone EP [Sweet Rot]

Vor zwei Tagen das erste Mal gehört, weswegen ich gar nicht weiß, ob sie überhaupt in derselben Liga wie oben stehende Scheibchen spielt. Falls nicht, treibt sie den Franzosenanteil ein bisschen in die Höhe, womit ich ersma kein Prob hab. Ganz besonders tolle Menschen aus meinem Bekanntenkreis sprechen französisch und außerdem dürfte das Land mittlerweile europäischer Rekordmeister sein, wenn es darum geht, ziemlich jute zeitjenössische Soundentwürfe in Gruppenkonstellationen zu produzieren. Würde mich jemand dazu verdonnern, The Dictaphone (Singular!) auf einen blöden Nenner zu bringen, würde ich sagen "TV Ghost, weniger Horror, mehr UK-DIY-Indie" oder sowas, wobei der Vergleich mit den Kids aus Lafayette vor allem auf den vokalen Gestus der Franzacken zurückzuführen ist. Sagt mir auf jeden zu, irgendwie, könnte aber auch schnell Reiz verlieren. Weil ich 'n netter Kerl bin, taucht sie hier trotz Unsicherheit auf.

Andere Faves, die hier bewusst nicht auftauchen, sind UV Race’s Malaria (s. früheren Post über Band) und Drunkdriver (s. hoffentlich zukünftigen Post über Band).

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