No idea!

Freitag, 30. Mai 2008

Pink Reason - Borrowed Time 7" [2008, Fashionable Idiots]

Endlich ma’ wieder ’ne neue Pink Reason Platte! Falls dieses Wortdesmundes nicht das erste deine Ohrbongo streichelndes ist, wirste vielleicht in Diversiana gelesen haben, dass es sich hierbei „endlich um eine Repräsentation ‚der lauten Live-PR’ handelt“. Kurze Info für Nicht-Kenner: Auf den bedeutsamen Brettchen hat PR bzw. Personalunion Kevin Failure keine Verträge mit Kongruenzproblemen, sprich: er versucht erst gar nicht den Sound der Pink Reason Platten zu replizieren. Man sollte allerdings anmerken, dass dieses Release nicht der erste die beiden Welten vereinende Kunststoff im PR-Universum ist. Letztes Jahr erschien neben dem Lieblingsalbum Cleaning the Mirror [Siltbreeze] auch noch ein höchstfeines Kurzspiel mit dem A-Titel By a Thread und wer PR mal live sehen durfte, weiß, dass das Ding dort nicht nur gerne in Vollständigkeit aufgetischt wird – inkl. „Klatschpublikum“ zu The Devil Always Wins, toll! –, sondern dass das auch zu Hause in der Tat so klingt wie lebendig. Dufte 7inch, wo wir gerade dabei sind…

Bei Borrowed Time handelt es sich oben druff (auf: „laut“) um eine Hommage an den kürzlich verstorbenen, russischen Punk-Barden Egor Letov, in Ewigkeit vor allem für sein Projekt/seine Band Grazhdanskaya Oborona (GrOb) honoriert. Der Mitte der 80er bis Anfang der 90er übertrieben produktive Letov (danach degressierte die VÖ-Dichte ein wenig) ist im Rückblick vor allem für seine unter politischer Verfolgung entstandenen DIY-Releases geschätzt, die in vielen Fällen auf geliehenen Maschienen eingespielt wurden. Eines der besten und wohl auch oft zitiertesten ist dabei sicherlich Fsyo Idyot Po Planu (Alles läuft, wie geplant) von 1988. Für Borrowed Time hat Failure die Akkordprogression des Titeltracks adaptiert und zollt so in ewiger Muckerliebe seinem Vorbild Tribut – Letovs Musik war schließlich a) diejenige, durch die Failure während seiner frühen Jugend in Sibirien (mehr dazu im Pink Reason Interview in Z-GUN #1 und hier) sein Nervensystem auf Gitarrespielen gepolt hat, und b) die persönliche Blaupause für PR’s Aufnahmeästhetik (a.a.O.).
So, wo waren wir? Letov, Sibirien, lernen, Akkorde… stimmt! Akkorde! Nicht nur die Akkorde hat sich Herr Failure geschnappt. Zu allererst und vor allem liegt hier eine Zelebrierung der Klangfarbe von Letovs GrOb-Gitarre vor, deren Sound gar nicht so weit von dem Zeug entfernt ist, das sich ein paar Jahre später in Proberäumen norwegischer Pubertierender auf Death-
n-Hate-Trip abspielen sollte: Frost und Billig-Booze sind halt nicht nur in Skandinavien außermusikalische Impulse, die man gerne annimmt. Ach ja, ’ne B-Seite gibt’s natürlich auch noch: Scared Shitless spielt vor demselben Kreissägen-verhangenen Horizont, nur dass in Roadrunner-mäßiger Manier (Modern Lovers, nicht Bo!) draufzugebrettert wird.

Man erzählt sich, dass die nächste LP auf Siltbreeze „neueres“ Material bieten wird, das durchaus gewisse Differenzen zu dem Stuff aufweist, den man vor allem auf der ersten 7inch und Cleaning zu Gehör bekam. Bis dahin warte ich in nackter, mich streichelnder Verzückung, ob das hier dasselbe „Neu“ ist…

Pink Reason Myspace

Freitag, 16. Mai 2008

Lietterschpich Diet / Cadaver Eyes / Puma live @ Kulturbunker Mühlheim, Köln, 07.05.2008

„Mal seh’n, wie wenig Leute heute kommen…“

Is’ dir dieses Sätzchen mal durch deine zerebralen Zyniker-Kanäle geplätschert und bist du dazu noch Kölner, stehen die Chancen nicht schlecht, dass du mutiges Freundchen den weiten Weg ins Kulturghetto nach K-Mühlheim auf dich genommen hast, nur um dir – oh mein Gott! – eine Band anzuschauen. „Waaas? DAFÜR? SO WEIT??“
Dieses Mal war’s allerdings auch für meine eigentlich nicht so zarten Saiten ein bisschen viel, dass zwei Bands vor 4 Leuten spielen müssen, die ganz schön vielen schlauen Kennertypen einfallen, wenn das Wort „Metal plus X“ fällt. Selbst wenn dein Album weltweit gefeiert wird (LD) und du bei WFMU Radiokonzerte spielst (CE): im Bunker, wenn das Licht ausgeht, biste alleine! Das mittlerweile x-te Trauerspiel in dieser Kiste und wenn du nicht ausschließlich auf Merzbow-Konzerte gehst, weißte ja sowieso Bescheid. Man könnte auch sagen: „Israel wird 60 und keiner geht hin.“ Aber bevor ich DA drauf eingehe, schnellschnell zur rettenden Musik. Los!

Hier ist, was du verpasst hast:
Den Anfang machten PUMA aus Norwegen. Ihr Ding basierte auf einem soliden Free Rock Fundament, das während eines bisschen zu langen Sets die Zehen in die Gewässer Jazz (v.a. Drums), Death/Thrash und Noise eintauchte. Durchaus inkonsistent und nicht gerade megamäßig fokussiert war das Set allerdings nicht völlig frei von positiven Überraschungen. Pose-itiv (aua!) war vor allem der Typ an den Keys/Electronix (ich glaube, Stian ist sein Name): Punk-Kid goes morbide Industrial-Marionette goes crayzay and plays horror shit, indeed! War echt o.k., es wurde zwar kein Verstand geblasen, ’s war aber dopey! Next…

CADAVER EYES. Jungejungääh!!! Gestoppte Intensität. Echt jetzt! Das Set wurde tatsächlich von einer riesigen, in den Hintergrund projizierten Stoppuhr(!) überwacht, gerahmt und dann schließlich auch beendet (Wat’n sonst?). Jedem, der sich mal nach „dem Ende“ gefragt hat, ist doch mal die Möglichkeit in den Sinn gekommen, eine beliebig gewählte Zeitspanne zu wählen, einfach weil es keinen Sinn macht, und so halt im schicken Gegensatz zum In- und Ge-halt steht. Halt. Musikalisch wurde dieser arbiträre Eimer mit einer CE-Version gefüllt, die im Verlgeich zu dem Kram, den sie beispielsweise auf ihrer großartigen Split mit Burmese verzapft haben und auf deren Material auch dieses Set basierte, eine gehörige Spur nackter daherkam. Vor allem die vergleichsweise runtergeschraubte Abrasivität – Davids Vokals waren unverzerrt und Erans Sounds kamen weicher und schwüler – konnte auf der Intensitätsseite ordentlich Pluspunkte besorgen. Ich müsste mir die Finger zu Stumpen tippen, um die emotionale Kraft dieses Sets zu erfassen, nur um danach unweigerlich zusehen zu müssen, wie Zeile auf Zeile den Lemmingtod ihres Sinns stirbt.
Sound: die klangfarblich meist ultra-minimalen Sounds, die Eran aus seinem No-Input-Mixer-/Sampler-Setup holte, waren so etwas wie die perfekte Melange von Noise, Doom und Dub, wenn perfekt bedeutet: „dein Hirn zermürbend und im Angesichte dessen dir Endorphinschübe verpassend“. Davids Schlagzeugspiel und auch seinen Gesang hingegen kann man sich so vorstellen, dass er Material der Split zu rhythmischen und lyrischen Zellen extrahierte, und so die Macht des Kontextes über Erans Doom-Noise Sounds ausübte. Schlägelnde Mittelchen und Wege bestanden aus diversen Fragmenten der Doom- und Grind-Welt und die Lyrics
aus kombinierbaren Fragmenten zu Themen wie Soldaten-Dasein und rechtes Israel, wie er mir später offenbarte, nachdem ich ihm versucht habe zu erklären, dass er in seiner martialischen Verzweiflung klang wie ein depressiver Samurai. Wenn er auf unverkennbare Art vielleicht schon 1000fach gehörte Zeilen wie „You are the ones who make me fucked up!“ rausbrüllt, findest du keine Luxusmisanthropie, kein pseudo-depressives Rumquängeln vor, sondern schlicht und einfach eine profunde Kombination aus blanker Wut und trauernder Verzweifung, die einen ordentlichen Schiss auf Eloquenz gibt. Das klingt cheesy und old-hat. Über Black Sabbath wurde schon ähnliches behauptet (gut, ohne das „profund“…), aber was willste machen? Kommen wir zum Headliner:

LIETTERSCHPICH DIET sind eine auf Trio geschrumpfte Version der Bis-zu-9Mensch-Audio-Visual-Großgruppe Lietterschpich aus Jerusalem. Diese abgespeckte Besetzung besteht aus Kadaveraugen David und Eran erweitert durch den genialen und ultra-duften Vokiller Rani. LD zeichnet, trotz der klangfarblichen Ähnlichkeiten, eine von CE zu unterscheidende, strukturell offenere Herangehensweise aus, die weniger den Fokus auf kombinierbare Sinneinheiten legt, als auf die kollektive Entwicklung eines sich wandelnden Stroms. Der Musik LDs stellenweise gar durch scapige Gefilde wandernd liegt eine von CE’s Hermetik komplett zu trennende Dramatik zu Grunde. Rani begann das Set als in gelb getauchter, schmatzend atmender Dämon (nein, nicht verkleidet!), bevor das Set zu einem Noise-Doom-Black-Monster wurde, das sich ma’ gewaschen hatte. Unglaublich, was da aus dem Hut gezaubert wurde! Wo kommen bloß diese ganzen Ideen her? Styles werden stranguliert und in die Luft gejagt und dann joint David das erste Mal mit seinem unverkennbaren Gesang und shoutet unter Ranis effekt-durchtriebenen Vokals verfickt noch eins Zahlen von „1“ beginnend in unterschiedlichen Sprachen!! Ab hier war ich dann auch nur noch am Boden und wahrlich blieb mein Aug' nicht trocken. Mit diesen Nummern als geordneten, lehren Behältern trat die Offenheit LDs, die sich musikalisch eher in struktureller Hinsicht manifestiert, lyrisch in den Raum der bedeutungsgeschwängerten Abstraktion. Du musst wissen, David is’ da super-straight: ausschließlich Zahlen, immer strikt aufsteigend! Eine rein solipsistische Assoziation folgt auf die nächste – nach dem strengsten System ever. Entkommen ausgeschlossen. Großartig! Es hätte eigentlich nie enden dürfen. Sofa, Arm abbinden, und ein Schuss von diesem herrlichen Blackened Noise mit Zahlen. Und: wälzen in unendlichem Sinn ohne Ende, ohne Sinn…

Lietterschpich
Cadaver Eyes
Puma

Dienstag, 6. Mai 2008

Meth Teeth 7" [2008, Sweet Rot Records]

Fuckin’ long a-time ago I started a Blawwg... Sorry Kinder, die Vernachlässigung ist vorbei! Jetzt ist Disziplin 2.0 angesagt!

Meth Teeth… Hätte mich jemand gefragt, was meine Fühler hinter diesem schmuckvollen Gewand orten, würde mein Scheren-flankiertes Maul vermutlich in fröhlicher Verzückung, ob des zu erwartenden White Trash Segens, „Skull Music“ in die Welt hinauskreischen. SM ist eins dieser Fürwörter, das gerne verwendet wird, um Checkern guter, alter Styles ihr verdientes Dächlein zu schenken – denn jeder Mensch verdient sein Dächlein! Zum ersten Mal begegnet ist mir der Begriff auf der Seite des manchmal doch verdammt prophetischen Avant Gut Labels Load Records, das mit Babylon Rules von Clockcleaner vielleicht DIE Skull-Platte überhaupt ’rausgebracht hat. Stilistisches Einzugsgebiet: 90er-Asi-Eitersack-Noise-Rock à la AmRep und/oder Brainbombs. [Anm. d. Autors: Scham ad infinitum bedeckt mein ohnehin bedecktes Haupt, wenn ich anno 2009 feststellen muss, dass mir 3 oder mehr Sätze zu SM, einem der zugschwächsten Nomenunfalls des Jahrzehnts, rausgerutscht sind. Gelobe Besserung.]

MT sind allerdings keine Followers of That Sleazey Blawp wie oben erwähnte Clockcleaner oder wie auch die Pissed Jeans und Homostupids, sondern eine Folk-Rock-Band. Jawohl, Folk-Rock... das Emo der 60er. Naja, heutzutage ist Folk-Rock natürlich kein gehasster Terminus mehr, der für Sellout und Authetizitätsverlust steht, nein!, die Zeiten des Taubenlochs sind vorbei. Kein Wunder, weist die Bezeichnug doch im Vergleich zu in der Zwischenzeit begangenen begrifflichen Übeltaten eine fast schon wissenschaftliche Präzision auf. Und als sei das nicht genug, haben sich die Kritischerdenkenden da draußen in den letzten 40+ Jahren unheimlich viel Zeugs ausgedacht, um sich im Angesichte einer elektrisch verstärkten Gitarre nicht gleich ihre Tweedhöschen vollmachen zu müssen. Wäre ja auch zu schade…

Bus Rides. Gute Platte, diese ist! Der Titeltrack = Opener der Seite des A hält den Volksrock ersma’ auf Distanz. Meth Teeth inkorporieren nämlich gerne mal (und das vor allem in diesem Track) das ein oder andere über gewöhnliche Stimmung hinausweisende Skronk-Element in ihren Schellenring-Heavy-Folk-Punk; ergo Gitarren im Verse A1’s, die eher wirken wie die Gongschläge, die den derbe berauschenden Spaß hier einläuten sollen. Die Harmonik weist in dem Track noch eine dissonantere Qualität auf, die im Laufe der 7inch zunehmend klassischen Folk-Konstrukten weicht. Track 2: Unemployment Forever (No Future im Down-Home-Gewand?) schraubt den Americana-Anteil signifikant in die Höhe. Grandioser Lyserg-Blues, in Strophe dunkel lungerndes Folk-Motiv untermauert von naseweisen Surf-Chords immer schön ufffe Eins und ein Quasi-Chorus aus einem jubilierenden Blues Lick, immer endend auf dieser aufregenden fuckebendeten(???) Bassnote. Ordentlich hysterische Drums nehmen keine Gefangenen. Buff Buff Buff Buff Klirr Klirr Klirr Klirr.
Somit drehen wir freudend
urchzuckt den kleinen Bastard um. Die B-Seite legt den Schwerpunkt noch mehr auf Das Volkige der MT. Mal ganz davon abgesehn haben sich die beiden B-Liedchen in den letzten Wochen mit einer Vehemenz in diejenigen Hirnsphären gebohrt, die dafür zuständig sind, „da draußen“ „Welt“ auf „Abstand“ zu halten. Mein inneres Bienchen Summsummsumm (ich kann nicht glauben, dass ich das schreibe!) wollte lange Zeit nichts anderes von sich geben, als allerlei Klanggut dieser Seite. Style setzt sich wie auf Seite Eins zusammen aus simplen akustischen Folk-Motiven, immer schön präsenten Schellen(yeah!), Delta-Blues-Kram, halluzinogene Rumble-Surf-Derivate und den durch-shittiest-Gitarrenamp-Vox. Während die letzte halbe Minute noch so großzügig und verständnisvoll ist, zu klingen, als ob sie selbst auch nicht aufhören will, hoffe ich, dass jemand den Boys für die Aufnahme ihres ersten Longplayas die 2 Mikros leiht, nach denen sie heute so freundlich in einem MySpace-Bulletin gefragt haben.
http://www.myspace.com/methteethmusic